14. Oktober 2008

Zur gegenwärtigen Finanzkrise und dem Beitrag des Genossen Manfred Sohn auf der Kreisseite der Parte

Zurück in die Vergangenheit!?

„Aus der Niederlage von 1989 haben wir gelernt: Wir sind nicht gegen den Markt. Unsere beste Zeit war international die, als Wladimir seine „Neue Ökonomische Politik“ (NÖP) durchkämpfte und national, als Walter seine „Neues Ökonomisches System“ (NÖS) in Ansätzen realisieren konnte.“ M. Sohn, aus: Mehr als eine Finanzkrise, 12.12. / Kreisseite, DIE LINKE REGION HANNOVER

 

Das obige Zitat muss man(n)/frau sich auf der Zunge zergehen lassen. Es stellt sich die Frage, liest eigentlich niemand unsere Kreisseite? Ganz offensichtlich scheint es so zu sein. Und ich füge hinzu, was für ein Glück!

Für die geschichtlich nicht so Belesenen unter uns, Genosse Sohn meint mit wir uns, mit Wladimir den ollen Lenin und mit Walter, den Ulbricht. Es bleibt Manfred unbenommen, von diesen „Altvorderen“ einen Bogen zu unserer Partei DIE LINKE zu schlagen- und in der Tat, er ist ein Wiederholungstäter, erst jüngstens musste Palmiro Togliatti herhalten, um die vermeintlichen Wurzeln unserer neuen Partei zu beleuchten.

Ich fühle mich bei dieser Lektüre zurückversetzt in die siebziger Jahre, dunkle Erinnerungen an Bildungsbausteine und marxistische Arbeiterbildung. Solidarität mit den unterdrückten Völkern und standhafte Treue zur Sowjetunion.

Frappierend für mich nicht, dass Genosse Sohn so wie in seinem Beitrag argumentiert. Fatal und in der Außenwirkung allerdings verheerend (würde eine politisch interessierte Öffentlichkeit überhaupt davon Kenntnis nehmen), dass Manfred gleich die ganze Partei für seine Einschätzungen vereinnahmt, bzw. vereinnahmen will.

Sicherlich richtig, es gibt unterschiedliche Zugänge zu unserer Partei. Gleichwohl eine positive Grundeinstellung gegenüber dem „bürgerliche Freiheitsrechte“ alles andere als schätzenden Lenin und dem Despoten Ulbricht, der sich nicht zuletzt auch durch ein gnadenloses Vorgehen gegenüber Sozialdemokraten in der DDR ausgezeichnet hatte, so eine positive Grundeinstellung ist nicht und kann nicht Konsens in unserer Partei sein.

Genosse Sohn hat viel geschrieben, müßig momentan auf alles einzugehen. Ganz bezeichnend die historische Einordnung des Jahres 1989 als „unsere Niederlage“. Dies ist exakt die Diktion der UZ, in der erst dieser Tage wieder die Montagsdemonstrationen als Konterrevolution bezeichnet werden.

Wie schrieb im Zusammenhang mit Christel Wegner der damalige Kreisvorsitzende der Partei in Hannover und heutige Geschäftsführer der Landtagsfraktion, Jörn Jan Leidecker:

„Wenn wir eine neue LINKE sein wollen, dann müssen wir uns an diejenigen halten, die in den Staaten Mittel- uns Osteuropas und in der Sowjetunion diese graugesichtigen Diktaturen von der Landkarte gefegt haben. Und an die wenigen positiven Traditionslinien, die es wert sind, erhalten zu werden: Eine moderne LINKE steht in der Tradition derjenigen die sich im Prager Frühling den sowjetischen Panzern entgegengestellt haben und nicht in der Tradition der Panzerfahrer.

Der Aufstand der Danziger Leninwerft hat mehr mit uns zu tun, als die Verkündung des polnischen Ausnahmezustandes. Der ungarische Aufstand von 1956 ist mehr Teil unseres Bezugssystems, als die Ermordung Imre Nagys. Mein Mitgefühl gehört denjenigen Menschen, die sich 1989 in die Prager Botschaft der Bundesrepublik geflüchtet haben. Wir stehen in der Tradition derjenigen die in den Zügen von Prag in den Westen durften und nicht an der Seite derjenigen, die mit Maschinengewehren versucht haben, tausende an der Erstürmung der Bahnhöfe zu hindern.“

So weit der Genosse Leidecker am 15.02. diesen Jahres und ich teile diese Einschätzung.

Was jetzt vom Fraktionsvorsitzenden der Landtagsfraktion kommt, ist mit dieser Denke wohl eher nicht kompatibel.

Wir haben also noch viel zu diskutieren in unserer einerseits jungen, anderseits wohl auch furchtbar alten Partei. Dies sollten wir tun, vor allen Dingen auch in der anstehenden Programmdebatte.

Schön, wenn die handelnden Personen in dieser Debatte darauf verzichten, den Anspruch zu erheben, für die Gesamtpartei zu sprechen. Dann lassen sich Differenzen allemal einfacher bzw. besser austragen.

Michael Hans Höntsch / 14.10.2008