20. Juli 2015 Rainer Butenschön

„Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Bunter Protest gegen Madsack in Hannovers Innenstadt

Die Linke zeigte sich solidarisch: Mehrere hundert Menschen sind am Sonnabend, 18. Juli 2015, am Nachmittag in einem langen Protestzug durch die hannoversche Innenstadt gezogen, um gegen die geplante Schließung der Druckerei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Neuen Presse in Hannover-Kirchrode zu protestieren.

Pfeifend und trommelnd und mit zahlreichen Transparenten und Plakaten machten sie darauf aufmerksam, dass die Geschäftsführung des Medienkonzerns Madsack rund 180 Arbeitsplätze vernichten und Ende 2016 die betroffenen Beschäftigten einfach in die Arbeitslosigkeit entlassen will.

Während einer Kundgebung vor dem Stammhaus des Madsack-Konzerns, dem historischen Anzeigerhochhaus, sagten Politiker von Linken, SPD und Grünen vor rund 250 bis 300 Demonstranten den betroffenen Beschäftigten und ihren Familien ihre Unterstützung zu. Lutz Kokemüller, verdi-Fachbereichsleiter Medien, nannte den Umgang der Madsack-Führung mit den Beschäftigten und deren Betriebsrat „feudal“ und einen „Skandal“ , der nicht hingenommen werde. Dirk Friedrichs , stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der Verlagsgesellschaft Madsack, kündigte für die verdi-Betriebsgruppe bei Madsack entschieden Widerstand an. Die Belegschaft werde für ihre Arbeitsplätze und ihre Zukunft kämpfen.

Solidarische Grüsse aus dem Madsack-Konzern überbrachte für die verdi-Vertrauensleute der Rostocker „Ostsee Zeitung“ Christoph Hohlfeld. Die Pläne der Madsack_Geschäftsführung für die Druckerei in Hannover mache die Madsack-Kollegen an der Küste „bestürzt und wütend , sagte Hohlfeld. Er überreichte die letzten drei verbliebenen T-Shirts, die die Drucker der Ostsee-Zeitung während ihres erfolgreichen Streiks für den Erhalt und die Erneuerung ihrer Drucktechnik vor wenigen Jahren getragen hatten. Diese tragen die Aufschrift: „Ausgequetscht und weggeworfen? Wir sind keine Zitronen!“ Es sei „dreist“, sagte Hohlfeld, dass Konzernchef Thomas Düffert die Schließung der Druckerei in Hannover Kirchrode als angeblich alternativlos und als angeblich „unumstößliche Entscheidung“ deklariere.

Nichts sei alternativlos, betonte auch der SPD-Unterbezirksvorsitzende der Region Hannover, Matthias Miersch. Der Bundestagsabgeordnete kritisierte scharf, dass die Madsack-Führung die Druckaufträge aus Hannover in eine Druckerei nach Rodenberg bei Bad Nenndorf vergebe, obwohl diese Firma Oppermann nie einen Auftrag der öffentlichen Hand erhalten könne, weil sie tariflos arbeiten lasse.

Miersch kündigte an, dass die SPD-Hannover nächste Woche erneut mit den Führung der SPD-Presseholding DDVG reden werde. Die DDVG ist mit rund 23 Prozent an der Verlagsgesellschaft Madsack beteiligt und trägt die Fremdvergabe der Druckaufträge für die hannoverschen Zeitungen an die tariflose Druckerei Oppermann mit. Auch der Ministerpräsident und SPD-Landesvorsitzende Stephan Weil setzte sich für de betroffenen Beschäftigten der Madsack-Druckerei ein, erklärte Miersch.

Der Landesvorsitzende der Partei Die Linke, der Bundestagsabgeordnete Herbert Behrens, kritisierte das Verhalten der SPD-Presseholding DDVG wie das der Madsack-Geschäftsführung scharf. Er forderte eine Stärkung des Tarifvertragssystems und ein Verbot von Kündigungen bei Firmen, die wie Madsack profitabel arbeiteten. Solidarisch erklärte sich auch die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Maaret Westphely.

Rainer Butenschön erinnerte als Vorsitzender des verdi-Medienfachbereichs in Niedersachsen an die Bestimmungen des Grundgesetzes. Dort heisst es, die Würde des Menschen darf nicht angetastet werden, auch habe Eigentum dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen. Arbeitslosigkeit aber, so zitierte Butenschön den hannoverschen Soziologen Prof. Oskar Negt, sei „ein Gewaltakt“, der den betroffenen Menschen ein Leben in Würde verunmögliche. Butenschön, der auch Betriebsratsvorsitzender der Verlagsgesellschaft Madsack ist, zeigte sich überzeugt, dass die betroffenen Menschen diesen Angriff auf ihre Würde und ihre Lebensperspektiven nicht hinnehmen werden. Schon in der Vergangenheit sei die Druckerei-Belegschaft wehrhaft gewesen. Die Betroffenen wüssten, dass „Menschen, die zusammenstehen, eine Macht sind“, die nicht ignoriert werden und einfach bei Seite geschoben werden könne. Der Protest an diesem Samstag sei erst der Anfang. Über Jahrzehnte hätten die Beschäftigten der Druckerei Tag für Tag und Nacht für Nacht Qualitätsarbeit abgeliefert. Er sei sicher, dass sie es sich nicht gefallen ließen, kalt lächelnd nach dem Moto abserviert zu werden: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr darf gehen.“