18. März 2015

»Durch die Regierungspolitik der letzten Jahrzehnte ist Armut bei uns zur Erbkrankheit geworden«

Einer Studie der Universität Bochum und der Stadt Mülheim im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zufolge weisen Kinder armer Eltern bei Schuleingangsuntersuchungen doppelt so viele Defizite auf wie Kinder aus gesicherten Einkommensverhältnissen. “Durch die Regierungspolitik der letzten Jahrzehnte ist Armut bei uns zur Erbkrankheit geworden. Indem der Staat überhaupt Armut zulässt, raubt er den Kindern ärmerer Eltern praktisch ab der Geburt schon die Chance auf einen gleichwertigen Start ins Leben”, kommentiert Gregor Gysi die Ergebnisse der Studie.

Ausgewertet wurden die Daten von ca. 5 000 Schuleingangsuntersuchungen aus den Jahren 2010 bis 2013. Nahezu durchgängig liegen dabei armutsgefährdete Kinder deutlich hinter anderen zurück:

  • 43,2 Prozent der armutsgefährdeten Kinder sprechen mangelhaft Deutsch. Das trifft nur auf 14,3 Prozent der nicht-armutsgefährdeten Kinder zu.
  • 24,5 Prozent der Kinder aus SGB-II-Familien haben Probleme in der Körperkoordination, bei den Übrigen sind es 14,6.
  • Ähnliches gilt für die Visuomotorik, die Koordination von Auge und Hand: 25 zu 11 Prozent.
  • 29,1 Prozent der armutsgefährdeten Kinder haben Defizite in ihrer selektiven Wahrnehmung, bei den Übrigen sind es 17,5.
  • Probleme beim Zählen haben 28 Prozent, bei den Übrigen sind es 12,4.
  • Deutlich übergewichtig sind 8,8 Prozent der Kinder, die von staatlicher Grundsicherung leben, bei den Übrigen sind es 3,7.

“Ein grundlegendes Ziel sozialer Politik muss die Bekämpfung und Überwindung von Armut sein – hierbei versagt die aktuelle Bundesregierung jedoch deutlich. Es gibt immer noch keine genügenden Ansätze, eine ausreichende Existenzsicherung für Kinder und Erwerbslose anzustreben. Kindergelderhöhungen um vier bzw. sechs Euro lösen die Probleme der Kinder nicht. Der zu niedrige Mindestlohn voller Ausnahmen ist weit entfernt davon, armutsfest zu sein”, kritisiert Katja Kipping.

Der Kampf gegen Kinderarmut müsse laut Kipping absolute Priorität haben, “und zwar in doppelter Hinsicht: Er muss unmittelbare Kinderarmut verhindern und ein armutsfreies Umfeld schaffen. DIE LINKE fordert daher die Absicherung aller Kinder und Jugendlichen mit einer ausreichenden Kindergrundsicherung, einen Mindestlohn ohne Ausnahmen in Höhe von 10 Euro sowie eine ausreichende Mindestrente und Mindestsicherung - unter 1050 Euro droht Armut.”

Gregor Gysi sieht nicht materielle Einschränkung durch Armut. Betroffene werden auch “weitestgehend vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben ausgegrenzt. Die einzige Möglichkeit, dass wir Armut in Deutschland überwinden, ist, die Umverteilung von unten nach oben zu beenden und eine Umverteilung von oben nach unten zu beginnen - am ehesten über Steuergerechtigkeit”, fordert Gysi.