5. August 2015

Breiter antifaschistischer Widerstand gegen Nazispuk in Bad Nenndorf

Johannes Drücker im Interview in Bad Nenndorf

Am 1. August 2015 hatten diverse antifaschistische Gruppen und Initiativen gegen rechts dazu aufgerufen in der niedersächsischen Kleinstadt Bad Nenndorf ein Zeichen gegen Nazis zu setzen. Auch der Kreisverband DIE LINKE. Region Hannover beteiligte sich an der Mobilisierung und bildete einen eigen Block während der Aktionen gegen den alljährlich stattfindenden Naziaufmarsch. (von Johannes Drücker)

Am morgen des 1. Augst 2015 war der Ernst-August-Platz, vor dem Hannoveraner Hauptbahnhof bereits gut gefüllt, eine etwa 300-köpfige Gruppe, bestehend aus ganz unterschiedlichen Menschen versammelte sich um gemeinsam in das etwa 30 Kilometer entfernte Städtchen Bad Nenndorf zu fahren und dort Gesicht zu zeigen, gegen ewig gestrige Faschisten.

Bad Nennorf, heute fast ausschließlich für die heilsame Wirkung der örtlichen Therme und eine weltweit einzigartige Schule für Sprachterapeut_innen bekannt, hat nämlich keine ganz unbewegte Nachkriegsgeschichte. So richtete etwa der Britische Geheimdienst MI6, nach dem Sieg der Alliierten über den deutschen Faschismus ein Verhörgefängnis im Winklerbad in Bad Nenndorf ein. In diesem Gefängnis wurden vor allem Sympathisanten, Mitglieder und Kader der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) misshandelt. Außerdem waren aber auch ehemalige NSDAP-Funktionäre im Winklerbad inhaftiert.

Diese Tatsache nehmen deutsche Faschisten seit Jahren zum Anlass, um Anfang August einen so genannten „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf zu inszenieren, im „Gedenken“ an die in Bad Nenndorf zu Schaden gekommenen Schergen Hitlers. Um diesem unerträglichen Geschichtsrevisionismus, der Verbrecher des Hitlerfaschismus zu Opfern angeblicher „alliierter Nachkriegsverbrachen“ verklären will entgegen zu treten, machen sich jedes Jahr Hunderte Antifaschistinnen und Antifaschisten auf den Weg nach Bad Nenndorf um sich dem braunen Pöbel in den Weg zu stellen.

Als eine Gruppe von Antifaschist_innen dieses Jahr Bad Nenndorf um kurz nach zehn Uhr morgens mit einem Regionalzug der Deutschen Bahn erreichte, wurde sie bereits mit freiem Blick auf ein Großaufgebot der Polizei begrüßt. Davon Unbeeindruckt begannen die meist jungen Antifaschist_innen damit die Türen des Zuges zu blockieren. So konnte dieser seine Fahrt nicht fortsetzen, was bedeutete, dass die Einfahrt des Zuges der die Nazis in den eingleisigen Bahnhof von Bad Nenndorf bringen sollte zunächst nicht möglich war.

Mit Slogans, die sich positiv auf den antifaschistischen Kampf der italienischen und spanischen Partisanen bezogen, leisteten die etwa 300 Geschichtsbewussten auf dem Bahnsteig friedlich Widerstand, als die Polizei die Versammlung gewaltsam auflöste und so das Gleis für die Faschisten frei machte. Daraufhin strömten die Blockierer in Richtung Stadtzentrum und suchten nach Möglichkeiten den Nazis die geplante Marschrute zu blockieren.

Zeitgleich fand vor einem Mahnmal für die aus Bad Nenndorf deportierten Juden eine Kundgebung des Bündnisses „Bad Nenndorf ist bunt“ statt. In diesem Bündnis versammeln sich Gewerkschaften, Vereine, Kirchen und Parteien aus Bad Nennorf und Umgebung um gemeinsam gegen den Naziaufmarsch in ihrer Stadt Farbe zu zeigen. So hatten die Aktivist_innen des Bündnisses dieses mal einen Spendenkampagne organisiert, mit deren Hilfe für jede Minute, die die Faschisten in Bad Nenndorf verbrachten ein Bestimmter Geldbetrag an eine Organisation gespendet wurde, die Aussteiger aus der rechten Szene unterstützt. Am Ende schaufelte der braune Haufen in Bad Nenndorf 2015 mit fast 3000 Euro an seinem eigenen Grab mit.

Auf der Kundgebung des Bündnisse traten neben den Redner_innen von Gewerkschaften, Kirchen und Verbänden auch Redner_innen der bürgerlichen Parteien und der Partei DIE LINKE. auf. Für DIE LINKE. sprach die Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler, die in ihrer Rede das Engagement der antifaschistischen und demokratischen Kräfte lobte, die Jahr für Jahr in Bad Nennorf Widerstand gegen den Aufmarsch der Rechten leisten. Des weiteren führte Vogler aus, dass in Zeiten in denen Flüchtlinge und Antifaschist_innen opfer faschistischer Gewalttaten werden eine besondere Solidarität unter den demokratischen Kräften im Kampf gegen rechts herrschen müsse. Nach dem Ende der Kundgebung lud die jüdische Gemeinde Bad Nenndorfs die Teilnehmer zu Speiss' und Trank ins Gemeindezentrum ein, in dem auch ein Gottesdienst für Toleranz stattfand.

Als die Faschisten am frühen Nachmittag leider doch in Bad Nenndorf ankamen, hatten einige von ihnen bereits einen sieben Kilometer langen Fußmarsch hinter sich, weil sie nicht warten wollten, bis das von Antifaschist_innen blockierte Zuggleis in Bad Nenndorf von der Polizei freigeknüppelt worden war.

Unter dem teils wütenden, teils höhnischen Protest von rund 1000 Anwohner_innen und Antifaschist_innen begingen die Nazis, gut abgeschirmt von der Polizei, ihren „Trauermarsch“. Trauriger Höhepunkt war die Hauptkundgebung der Faschisten vor dem Winklerbad, auf der – ähnlich wie in den Vorjahren – erneut widerwärtige Äußerungen gefallen sein sollen, die den Holocaust relativierten oder gar leugneten.

Am Ende eines anstrengenden Kampftages waren sich viele Aktivistinnen und Aktivisten einig: Es wäre schön, wenn die deutsche Polizei den strafbaren Geschichtsrevisionismus der Faschisten mit der gleichen Konsequenz bekämpfen würde, wie den friedlichen und legitimen Widerstand der antifaschistischen Bewegung. „Nächstes Jahr werden sie nicht durchkommen, wir werden wieder da sein!“ War der Grundtenor vieler Gespräche, die im Zug auf der Rückfahrt nach Hannover geführt wurden.