29. Oktober 2016 Diether Dehm

DIE LINKE. Region Hannover trauert um ihren langjährigen Genossen Frank Pharao

Frank Pharao als Vorsitzender der BO Linden-Limmer

Ein Nachruf von Diether Dehm

Frank Pharao – pragmatischer Revolutionär aus Linden

Schon alleine in Auftreten und Form war Frank eine feste rote Persönlichkeit. Aus keinem Knopfloch hätte auch nur ein rosagrünliches Fädchen gelugt von Akzeptiertwerdenwollen bei Eliten. Der Vorsitzende der wählerstärksten BO in Westdeutschland blieb der trotzige Gegenentwurf zum letzten Schrei der Mode. Er stand gegen das Gentrifizieren seines neuerdings hippen Stadtteils Linden, für dessen Identität er auch kulturell stritt! Zum Beispiel als es um die Bücher im Freizeitheim ging. Und mit großen Wahlerfolgen, zuletzt in Linden-Nord mit 21,1 % viel stärker als die CDU, in vielen Wahllokalen sogar vor der SPD.

Durchaus altmodisch konvertierte er nicht ins Vegane, sondern blieb der rote-Sterne-Koch für „Grünkohl, Pinkel“ und andere Spezialitäten, und er briet auch „Zigeunerschnitzel“. Aber Frank war es dann auch, der die Gedenkfeier für die Sinti und Roma am Bahnhof Linden-Fischerhof organisierte, von wo deren Verschleppung ins Gas begann. Und er nannte die Täter nicht, wie die sich selbst verharmlosend, „Nationalsozialisten“, denn Nazis waren für ihn antinational und antisozialistisch, sondern sprach von denen mit deren Verbrechernamen: „Faschisten“. Die er auch nie unaufhaltsam aufgestiegen sah aus etwas bösem Dunklen in der deutschen Seelengenetik, sondern mithilfe der Harzburgerfront, Monopolkapitalsten mit „Namen und Hausnummern“(Brecht) wie Krupp, Stinnes, Thyssen, IG Farben, Abs und die die Großbanken.

Das Gendern war auch nicht seins. Emanzipation war für ihn keine zuvörderst linguistische Frage. Ihm war weniger wichtig, ob sich eine Frau in der DDR „Traktorist“ nannte. Oder „Traktorist*IN“. Er lobte es, wenn sie dort mehr Lohn für gleichwertige Arbeit bekam, als in der BRD. Da hatte er einen genauen Blick für „kleine Schritte in die richtige Richtung“ (wie er das oft nannte). Aber ein bisschen Frieden reichte ihm nicht. Ergo machte er auch kein bisschen NATO mit – nicht mit Joschka gegen Belgrad, auch nicht mit Marie-Luise Beck für den Regimechange in Libyen, Syrien und Russland. Bereits als IG Metalljugendvertreter und in der SDAJ hatte er sich diese wache Nase für die rosaschillernden Einstiegsdrogen der Militäraufrüster und Gewerkschaftsfeinde zugelegt, fast wie eine Allergie gegen die, die wir nicht mehr „Lügenpresse“ nennen dürfen.

Wie im Outfit, so auch in den Inhalten: seine Sache war die des Proletariats. Um die mühte er sich. Und die sah er auch in unserer Partei „zu kurz gekommen“. Aber Frank schuf sich nicht sein Hirngespinst mit Namen „Arbeiterklasse“, wie es seine frühere DKP gelegentlich tat und es einige Sektierer auch im heutigen linken Spektrum noch tun. Er sah den fortschrittlichsten Teil des so-seienden Proletariats in den realexistierenden Gewerkschaften des DGB.

Und Frank nahm auch nicht Linden zum Bauchnabel des revolutionären Weltgeschehens. Dafür hatte er auch zu lange bei Volkswagen gearbeitet, war Jugendsprecher gewesen. Seine Praxis mass sich an den kleinen Leuten, pardon, „den sogenannten kleinen Leuten“ (hätte er interveniert). So wie sie waren. Sie dort abzuholen, wo sie standen- und gelegentlich auch herumlungerten. Bescheiden war er nicht nur in Auftritt und Konsum, sondern im Umgang mit anderer Leuts Schwächen. Darum immer wieder sein Aufruf zur Geduld miteinander. Auch wenn Leute im eigenen Verein gegen ihn mit Widerwärtigkeiten gehetzt hatten. Und, wenn er Strategiepapiere vorlegte, Wahlkampfaktionen plante, wenn er sich zu Wort meldete (was – sowas wissen wir immer zu spät– viel zu selten geschah), da ging es ihm um die untergepflügte, von rosagrünlichem Altlaub und neuerdings bräunlichem Abfall überdeckte Unzufriedenheit, darum, rotes Bewusstsein wieder hoch zu arbeiten: um nichts weniger als die fragmentierten, von der Krise in abseitige Felder abgedrängten und abgehängten, werktätigen Mehrheiten mit neuem Selbst- und Realitäts-Bewusstsein zu bereichern. Frank Pharao war ein Revolutionär, der – mit Brecht – um den Lohngroschen, das Teewasser stritt – und um die Macht im Staat. Ein praktischer Marxist, dem die Basis vertraute, weil er sein Arbeiten auch bei ihr freundschaftlich festgemacht hatte.

Solche klugen, mutigen Führungspersönlichkeiten ziehen stets intrigante Beschimpfungen auf sich. Wenn wir – Frank zitierte das NSU-Umfeld zuletzt – den Verschwörungsgeschichten Edward Snowdens, auch dem Kinofilm - glauben dürfen, dann kommt solche Hetze nicht nur unorganisiert und spontan auf – und bis tief in unsere eigenen Reihen. Und so was hinterlässt Fragen. Zum Beispiel: haben wir Frank genug davor geschützt? Denn es gibt doch so wenige von denen, die derart überzeugend, weil überzeugt, ohne Neid und ohne eigene Karrierewünsche den Imperialismus bekämpfen. Und, die ihre Kultur beziehen aus reflektierten Niederlagen. Und aus dem Aufstehen.